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Armutsrisiko bei Migrant/innen

Die Armutsquote in Deutschland erreicht laut einer aktuellen Datenauswertung der Hans-Böckler-Stiftung einen neuen Höchststand. Insgesamt lebten im vergangenen Jahr 15,8 Prozent der Bevölkerung mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze, wie die gewerkschaftsnahe Stiftung im POLICY BRIEF vom 08/2018 mitteilte. Das waren 0,1 Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. Hierzu wertete das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Stiftung unter anderem Daten des Mikrozensus aus. Die Armutsrisikoschwelle liegt bei 60 Prozent des mittleren Einkommens.
Vor allem Menschen mit Migrationshintergrund sind demnach gefährdet. Grund für den Anstieg der Quote ist das höhere Armutsrisiko unter Einwanderern, deren Zahl durch den starken Flüchtlingszuzug in den Jahren 2015 und 2016 deutlich zugenommen hat. Die Armutsquote in der Gruppe der Einwanderer ist um 0,9 Prozentpunkte auf 30,3 Prozent gestiegen. Bei den in Deutschland geborenen Menschen mit Migrationshintergrund ist sie jedoch um 0,1 Prozentpunkte auf 24,9 Prozent gesunken, bei den Menschen ohne Migrationshintergrund sogar um 0,3 Prozentpunkte auf 11,8 Prozent.

Die Kinderarmut ist der Stiftung zufolge von 20,2 Prozent im Jahr 2016 auf 20,4 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen. Während auch hier die Armutsquote bei den Kindern ohne Migrationshintergrund um 0,4 Prozentpunkte auf 12,8 Prozent gesunken ist, ist sie bei Kindern mit Migrationshintergrund gestiegen. Demnach lag die Armutsquote bei den Eingewanderten bei 54,3 Prozent und bei den in Deutschland geborenen Kindern mit ausländischen Wurzeln bei 28,2 Prozent.

Bei der Altersarmut gab es den Angaben zufolge in allen Kategorien einen leichten Rückgang. Laut Studie ist die Altersarmut bundesweit um 0,2 Prozentpunkte auf das Niveau des Jahres 2015 (14,6 Prozent) zurückgegangen. Trotzdem ist die Altersarmut unter älteren Migrant/innen mehr als dreimal so hoch wie unter den Deutschen.

Armut bzw. Armutsrisiko definiert man allgemein nach dem Lebenslagenbegriff als soziostrukturelle Benachteiligung in zentralen Lebensbereichen vor allem in Bezug auf Einkommen, Arbeit, Wohnen, Gesundheit, Bildung, politische und kulturelle Teilhabe und Durchsetzungsvermögen in der Mehrheitsgesellschaft. Die Hauptursache von Armut und sozialer Ausgrenzung liegt vor allem in der hohen Arbeitslosigkeit. Daher kämen schulische/berufliche Bildung, Beschäftigung und Weiterbildung bei der Überwindung der Armut besondere Bedeutung zu.
Folgen der Armut sind nicht nur als Mangel an Einkommen, sondern auch als Minderung von Lebensperspektiven zu begreifen. Der Mangel an Geld, sozialen Beziehungen, Freizeitchancen, angemessenem Wohnraum, häufig begleitet von Verschuldung oder Überschuldung und sozialem Abstieg, ist nicht selten Ausdruck einer länger anhaltenden krisenhaften Situation, die oft zu ernsten Belastungen und Spannungen in der Familie führt. Betroffene Kinder sind solchen Belastungen und Spannungen häufig längere Zeit ausgesetzt. Hierdurch werden sie für ihr ganzes Leben geprägt.

Was muss sich ändern, um den Migrant/Innen und ihren Kindern annähernd gleiche Lebenschancen wie die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft zu bieten? Die Hans-Böckler-Stiftung unterstrich, dass es angesichts dieser Entwicklungen weiterhin die zentrale Herausforderung sei, zugewanderte Menschen sprachlich sowie beruflich zu qualifizieren und schnell in den Arbeitsmarkt zu integrieren.