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Muttersprachlicher Unterricht

Die Bayerische Staatsregierung hat am 14. September 2004 beschlossen, die derzeit für den muttersprachlichen Ergänzungsunterricht (MEU) eingesetzten Mittel künftig für die verstärkte Deutschförderung zu verwenden. „Das freiwillige Unterrichtsangebot des muttersprachlichen Ergänzungsunterrichts wurde in den siebziger Jahren in Bayern geschaffen, um Kindern von ausländischen Arbeitnehmern die Rückkehr in das heimatliche Schulwesen zu erleichtern. Mittlerweile hat diese Funktion aber an Bedeutung verloren. Die überwiegende Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund bleibt langfristig in Deutschland. In Abwägung der vorhandenen Handlungsspielräume war die Verbesserung des Schulerfolgs der Kinder mit Migrationshintergrund dabei das zentrale Motiv.“ So lautet die Begründung der Staatsregierung.

Dass der Sprachförderung der Migrantenkinder eine viel stärkere Gewichtung im hiesigen Schulsystem eingeräumt werden muss als bisher der Fall, ist unbestritten und dringend notwendig. Hier stimmen wir der Staatsregierung uneingeschränkt zu. Wir halten es jedoch für falsch, dies auf Kosten der Muttersprache zu erwirken. Wir finden es unglaublich, wie die Staatsregierung trotz des schlechten Abschneidens der Migrantenkinder in der Pisa-Studie die Erkenntnisse der Sprachentwicklungsforschung in hohem Maße ignoriert.

Für den Muttersprachlichen Unterricht sprechen vor allem zwei Gründe:

  • Die zunehmende Globalisierung und das Zusammenwachsen Europas erfordern die Kompetenz aller Schülerinnen und Schüler, sich in mehreren Sprachen bewegen zu können.  Die europäischen Bildungsminister haben deshalb bereits 1995 beschlossen, dass alle Schulabgänger drei Sprachen sprechen sollen. Die natürliche Mehrsprachigkeit der hier lebenden Migrantenkinder ist eine große Chance, dieses Ziel zu erreichen. Deshalb brauchen sie einen qualifizierten Muttersprachlichen Unterricht, der ihnen hilft ihre Mehrsprachigkeit altersgerecht auszubauen. Auf diese Weise entstehen auch für die deutschen Kinder und Jugendlichen völlig neue Chancen des Sprachelernens.
  • Die Förderung der Muttersprache der Migrantenkinder in der Schule ist auch wichtig für das Erlernen der deutschen Sprache. Die wissenschaftliche Forschung und die Erfahrung aus dem schulischen Alltag beweisen: zweisprachige Kinder lernen Sprachen besonders schnell und problemlos, wenn der sprachliche Unterricht koordiniert ist und aufeinander aufbaut, wenn die Kinder auf ihre Muttersprache zurückgreifen können. Die Förderung der Muttersprache ist damit auch eine wesentliche Antwort auf die PISA-Studie, die mit aller Deutlichkeit auf die mangelnden Lese- und Schreibfähigkeiten vieler Schüler hingewiesen hat. Gerade in Ländern, die bei PISA gut abgeschnitten haben, ist die Bedeutung der Muttersprache für den Erwerb der Zweitsprache anerkannt: So haben beispielsweise in Finnland Migrantenkinder einen Rechtsanspruch auf muttersprachlichen Unterricht. Hier liegt ein wesentlicher Schlüssel zur Verbesserung der Schulerfolge der Migrantenkinder. In der Schule muss mehrsprachiges Lernen intensiviert und weitergeführt werden.

Unsere Kampagne gegen die Abschaffung des Muttersprachlichen Unterrichts wurde innerhalb von nur zwei Monaten von über 30.000 Unterzeichnern mitgetragen. Damit wurde eindrucksvoll der Wille der Eltern und Elternverbände dokumentiert, aktiv zur Verbesserung der Schulerfolge ihrer Kinder beizutragen.

Wir fordern die Staatsregierung deshalb auf, den Muttersprachlichen Ergänzungsunterricht nicht nur beizubehalten, sondern auch stärker zu gewichten. Dazu sollten die Unterrichtsstunden als freiwilliges Angebot für die Grundschulkinder in den Vormittagsunterricht integriert werden. Ab dem 5. Schuljahr soll der MEU den Schüler/innen an Förder-, Haupt-, Realschulen und Gymnasien als Wahlfach zur Verfügung stehen.