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Parallelgesellschaft: Realität oder Schreckbegriff?

Nach der Ermordung des islam-kritischen Filmemachers Theo van Goghs in den Niederlanden und nach der darauf folgenden Kritik an Muslimen, rückte ins Zentrum der öffentlichen Debatte die Warnung vor einer Parallelgesellschaft.

Können Hass und Gewalt, fragen viele, auch in Deutschland ausbrechen, wo 3,2 Millionen Muslime leben? Innenminister Otto Schily sieht „eine Gefahr durchaus auch in Deutschland. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm kritisiert, dass islamistische Hassprediger „mit deutschem Pass hier in ihrer Parallelgesellschaft leben“.

Nicht nur Politiker aller Parteien, sondern auch sämtliche deutsche Medien haben den Begriff „Parallelgesellschaft“ etabliert, um ihn als Schlag- und Schimpfwort zur Einleitung in die aktuelle Debatte zu verwenden. Es wird überall debattiert, ob eine muslimisch geprägte Parallelgesellschaft (!) in Deutschland geduldet sein sollte oder nicht.

Der Begriff „Parallelgesellschaft“ besitzt eine sehr verwaschene Definition. Ab wann gilt eine Gesellschaft als „parallel“ zur Hauptgesellschaft verlaufend? Trotz der nicht vorhandenen Definition wird er aus meiner Sicht als Schreckbegriff verwendet.

Die Einwanderung nach Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sowohl für Einheimische als auch für Einwanderer unerwartet entwickelt. Es gibt natürlich Stadtviertel mit hohem Ausländeranteil. Man beobachtet auch eine Vertiefung des islamischen Glaubens. Mangelnde Deutschkenntnisse werden von allen Seiten als Grundproblem der Integrationsbemühungen festgestellt. Aber all diese Entwicklungen und Integrationsdefizite mit der Entwicklung einer „Parallelgesellschaft“ erklären zu wollen, halte ich für gefährlich.

Bis auf wenige Ausnahmen, beispielsweise in Teilen des Berliner Problemviertels Neukölln, gibt es in den deutschen Städten keine „ethnische oder religiöse Homogenität“. Im Vergleich zu anderen Ländern wie USA, Großbritannien oder Frankreich ist die räumliche Konzentration von Migrant/innen in Deutschland auf jeden Fall unterdurchschnittlich. Der Begriff «Parallelgesellschaft» ist zwar populär, aber unvollständig: Kein Mensch und keine Gruppe grenzt sich freiwillig von der Mehrheitsgesellschaft ab. Diese Menschen und Gruppen können im Bezug auf ganz zentrale Bedürfnisse wie Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Rechtssystem nicht selbstständig sein. Doch die Konjunkturkrise und der massive Arbeitsplatzabbau wirken sich offenbar zunehmend auch in der Bundesrepublik sehr negativ aus. Nach einem neuesten Sozialbericht der Bundesregierung ist das Haushaltseinkommen zum Beispiel der Türkischstämmigen im vergangenen Jahr gesunken – ein Drittel schätzen ihre Situation als „schlecht“ ein.

Der Islam der meisten deutschen Muslime hat allerdings nichts mit Gewaltpredigern zu tun, sondern ist friedfertig. Nach Informationen des Verfassungsschutzes haben sich nur etwa ein Prozent der Muslime in Deutschland islamistischen Organisationen angeschlossen.

Zu viel Angst vor einer Parallelgesellschaft führt dazu, die Augen vor der komplizierten Wirklichkeit im Einwanderungsland Bundesrepublik zu schließen. Der Schreckbegriff „Parallelgesellschaft“ darf sich nicht „zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung in der Öffentlichkeit“ (Klaus J. Bade) entwickeln.